Weinrallye #54: Region im Glas mit – natürlich! – Riesling aus dem Rheingau

„Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muß mähen.
Und wer mäht, muß säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.“

So schreibt Erich Kästner in seinem Monatsgedicht „August“, an das ich mich in diesem heißen, faulen, taumeligen Monat oft erinnert habe. Und wie das Jahr die Sommertage gemäht hat! Mit Temperaturen bis zu 40 Grad hat die Jahreszeit noch mal versucht, ihre Ehre wieder herzustellen, nachdem Juni und Juli ja eher so lala waren.

In den August fällt auch die Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden, das wir nun schon zum zweiten Mal in unserem Vorgaten quasi vor unserer Haustür miterleben durften. Ein gut gekühlter Weißwein im beschlagenen Glas, im Schatten sitzen und Freunde treffen – es hätte uns an unfreundlichere Orte verschlagen können, als wir vor einem Jahr umgezogen sind…

Hier präsentieren rund 100 Winzer aus der Weinregion Rheingau zehn Tage lang ihre Tropfen. Das Ganze findet friedlich, ohne viel Getöse und Ablenkung statt. Es gibt Live-Musik in verträglichem Rahmen, zum Essen unpretentiöse Klassiker wie Bratwurst, Spundekäs und Flammkuchen, aber weder Zuckerwatte noch Karussell oder Autoscooter.

Im letzten Jahr habe ich meinen bis heute favorisierten „Haussekt“ kennengelernt: Einen wunderbar trockenen Riesling-Sekt vom Weingut Schönleber, der leider wegen alberner Urheberrechtsgeschichten nicht mehr „Hardliner“ heißen darf, sondern jetzt als „2009 Riesling Extra Brut“ daher kommt. Die krachige Frische bei gleichzeitig sehr angenehmer Säure ist aber auch unter neuem Namen der Hammer. Mehr dazu findet Ihr im Beitrag vom letzten Jahr.

Aber abgesehen vom Schönleber-Sekt bin ich bisher nicht so richtig warm geworden mit Riesling. Zu viel Säure, zu wenig ausgewogen – einfach nicht meins.

Umso besser, wenn man sich bei Winzerfesten aller Vorurteile entledigen kann, indem man die unfassbare Vielfalt der Region in kleinen Probierschlucken kennenlernt und somit den Horizont erweitert.

Nur so konnte ich nämlich auf den Riesling stoßen, den ich Euch im Rahmen der Weinrallye vorstellen möchte:

Der 2011er Riesling SCHIEFER „Projekt Terroir Hessen“, Lorcher Pfaffenwies (8,50€/Flasche) stammt vom Weingut Ottes aus Lorch am Rhein – also strenggenommen Mittelrheintal, einem Ausläufer des Rheingaus.

Dieser kleine aber nicht unwichtige Unterschied macht sich dann eben auch bemerkbar, wenn es um das Terroir geht. Im Mittelrheintal, vor allem aber in Lorch, sind die Weinberge sehr steil, der Boden besteht zu großen Teilen aus Schiefer. Beides sorgt für Sonneneinstrahlung am Tag und Wärmeabgabe in der Nacht. Auch ist hier der Rhein breit und behäbig, sorgt für Feuchtigkeit und gibt die gespeicherte Wärme ab.

Außerdem sorgt der Schiefer für einen deutlichen mineralischen Geschmack, den ich persönlich bei Weißweinen unwahrscheinlich mag, und der mir bei manchem Riesling oft fehlt. Zudem ist der „Pfaffenwies“ weniger säurelastig und krachig zitronig.

Das Projekt Terroir Hessen ist eine Initiative der hessischen Weinbauverbände unter Leitung der Rheingauer Weinwerbung sowie der Forschungsanstalt Geisenheim. Angeschlossen sind zudem weitere Partner aus dem Gebiet Rheingau und Hessische Bergstraße. Mit der Initiative will man sich von dem globalisierten Massenwaren-Geschmack absetzen und die Eigenheiten der Region wieder stärker hervorheben. Ein Probiertpaket mit unterschiedlichen Weinen von verschiedenen Terroirs kann ebenfalls über die Website bestellt werden.

Zurück zu meinem Tipp: Die Qualität der Weine sorgt dafür, dass Ottes längst kein Geheimtipp mehr ist. „Feinschmecker“ und „Gault Millau“ haben längst ihre Empfehlungen ausgesprochen…

Laut Weingut werden 85% der produzierten Weine direkt an den Endverbraucher verkauft – ohne Umwege über den Handel. Wer möchte, muss sich also schon selbst auf den Weg nach Lorch machen. Dafür wird er dann aber auch belohnt mit einem herrlichen Blick auf den großen europäischen Strom, der sich durch das Unesco Welterbe Mittelrheintal nach Norden schiebt und währendessen dafür sorgt, dass so wunderbare Weine wachsen wie der Riesling von der Pfaffenwies.

Die Gutsschänke ist im Herbst 2012 übrigens vom 8.9.-28.10. geöffnet freitags ab 17 Uhr und Sa/So/Feiertag ab 15 Uhr.

Bis dahin genießt noch die letzten Augusttage – vielleicht mit einem gut gekühlten Riesling und etwas Erich Kästner?

Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.
Im Garten riecht’s nach Minze und Kamille.
Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille.
Wie klein ist heut die ganze Welt!
Wie groß und grenzenlos ist die Idylle …

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  1. Jetzt habe ich morgens um 9 Uhr Lust auf ein gepflegtes Glas Riesling, ausserdem shoppe ich dank deines Artikels auf Amazon. Ich würde sagen dein Einfluss ist etwas fragwürdig… 🙂
    Nein, Scherz beiseite. Wein mag ich gerne, zu Riesling ist mein Verhältnis auch eher zwiespältig, nachdem ich mal eine Degustation mitgemacht habe und damals definitiv zuviel Riesling gekostet habe ( Ich war nicht betrunken, aber die Säure hat ich irgendwann zu den Ohren raushängen… :-))
    Wie gut, dass wir auch bald in user Winzerdorf ziehen und von Weinreben und Weinfesten umgeben sein werden.
    Bei Amazon habe ich den Gedichtband bestellt.
    Danke für die Inspiration!

  2. Ja, Riesling mag aufgrund der Säure nicht jedermann´s (und -frau´s ;-)) Sache sein, aber ich finde, an kaum einer Rebsorte lassen sich Terroireinflüsse deutlicher herausschmecken… Vielen Dank für das Beispiel aus dem Rheingau!

  3. @mamachaos Ich weiß genau, was Du meinst: Lange, bevor ich auch nur annähernd betrunken zu nennen wäre, geht mir die Säure auf den Keks – und auf den Magen. Ich bin schon gespannt zu lesen, welche Entdeckungen Du im Winzerdorf so machst… Und das mit dem Gedichtband freut mich sehr. Kästner hat sehr schöne geschrieben, die sicher auch in ein paar Jahren Deinen zwei Mädels gefallen dürften.

    @Victoria Das stimmt – das Weinfest in Wiesbaden beweist mir das immer wieder, weil man hier so viele Rieslinge mal „nebeneinander“ testen kann…

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